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8 Herausforderung PFC: Umweltbewusster handeln

Das Ausmaß des weltweiten Eintrags von PFC lässt sich wissenschaftlich bereits auf dem Stand von 2008 oder auf dem Stand des europäischen Umweltrechts ausreichend unterlegen, auch wenn es auf wissenschaftlicher Basis noch Erkenntnislücken zu schließen gilt.

Der Ruf nach einem pauschalen Produktions- und Verwendungsverbot für PFC/PFT ist in der öffentlichen Diskussion mal leiser, mal lauter hörbar, meist nach Bekanntwerden von Schadensereignissen.

Bei dem „nur“ lokalen Schadensereignis in Mittelbaden – großflächig und kostenträchtig – muss berücksichtigt werden, dass PFC überall, nicht nur über illegale Handlungen in die Umwelt, sondern vor allem auf allgemein akzeptierten Wegen über Fabrikationsstätten und Haushalte in die Kläranlagen und von dort in die Natur gelangen.[1] Perfluorierte Alkylsulfon- und Alkylcarbonsäuren (PFC) werden auch ohne besondere Schadenssituationen schon viele Jahre in der Umwelt, in menschlichen Blut- und Muttermilchproben, sowie in Lebensmitteln weltweit in den entlegensten Gebieten nachgewiesen.[2] Die Verbreitung und Anreicherung der PFC in der Umwelt geht so weit, dass solche Verbindungen bei jeder untersuchten Probe von Wildtieren festgestellt werden.

Es gibt mit dem Eintrag von Schadstoffen in die Umwelt für die Trinkwasserversorgung schon genug Probleme, auch ohne die akute PFC-Problematik in Mittelbaden. Die sonstigen Umweltprobleme sind für sich alleine mittlerweile systemrelevant. Dies betrifft beispielsweise die Übernutzung von Grund- und Oberflächengewässern, die massive Eutrophierung und Verunreinigung von Grundwasserleitern, Flüssen, Seen, Küstengewässern und der Ozeane durch Gülle, Düngemittel, Pestizide und Chemikalien, zu deren mögliche Zusammenwirkung noch keine Erkenntnisse vorliegen.

PFC  werden in einer riesigen Stoffgruppe von Chemikalien zusammengefasst mit ungefähr 3000 Substanzen, die überall produziert und angewendet werden. PFC haben Industrie und Haushalte aufgrund ihrer breiten Anwendungsmöglichkeiten vollständig durchdrungen, beispielsweise mit Textilien aller Art, Outdoor-Bekleidung, Buntpapier, Zelten, Möbel, Teppichen, Reinigungsmitteln und noch in vielen sonstigen Produkten. Alle Produkte und Gegenstände, die PFC enthalten, haben irgendwann das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und landen entweder in der Müllverbrennung oder auf der Deponie. In weiten Teilen der Welt wird man ein Bewusstsein in Richtung Müllentsorgung oder gar Müllvermeidung vergeblich suchen. Aber auch bei einer systematischen Entsorgung werden je nach Qualität der Entsorgung mehr oder weniger große Mengen an PFC in die Luft geblasen oder gelangen in Grund- oder Oberflächengewässer. Verbreitungsdaten zeigen, dass die ubiquitäre Verbreitung von PFC, zum Beispiel die Leitsubstanz Perfluoroktansäure (PFOA), in der Umwelt ihr Maximum erst 2030 erreichen wird, wenn es zukünftig nicht noch zu weiteren Einträgen kommt.[3] Das dürfte nicht weniger auch für viele andere Chemikalien gelten. Schon jetzt ist absehbar, dass die in viel größeren Mengen eingesetzten kurzkettigen PFC noch in mehreren Jahrzehnten unsere Umwelt verunreinigen und die Gesundheit der Menschen gefährden, ….. überall.

Neben der PFC-Problematik haben wir haben zunehmend ein globales Problem mit verfügbaren Trinkwasser. Weltweit entfallen auf leicht zugänglichen Süßwasserreserven nur 0,3 Prozent der globalen Wassermenge, bei einer weltweit stark ungleichen, globalen Verteilung.[4]

In einer ganzheitlichen Betrachtungsweise werden die weltweit begrenzt vorhandenen Süßwasserreserven direkt oder indirekt, vorsätzlich oder unabsichtlich, immer stärker ausgebeutet und immer mehr verunreinigt. Dies wird sich auf absehbare Zeit nicht nur auf die allgemeine Gesundheit der Menschen auswirken, sondern Konflikte zwischen Menschen und auch Kriege zwischen Nationen auslösen, dort wo akute Knappheit an Trink- und Brauchwasser herrscht. Solche Konflikte wirken auch auf uns, dort wo genügend Trinkwasser zur Verfügung steht, als weitere Fluchtursache zurück.

Solange die ubiquitäre Trinkwasservergiftung uns in einer süßwasserreichen Region vermeintlich nicht betrifft: Dürfen wir zulassen, dass Politiker gewählt werden, die ihrerseits die Vergiftung der Umwelt durch ihr Unterlassen nur für den Profit von Konzernen und Aktionären noch weiter anheizen?

Der gesellschaftlich akzeptierte Eintrag von PFC in die Natur geht einher mit dem insgesamt gigantischen Ausmaß der gesellschaftlich akzeptierten Einträge von sonstigen chemischen Schadstoffen, der die Vergiftung fruchtbarer Ackerböden und die schleichende Verseuchung des Trinkwassers als hinnehmbar erscheinen lässt. Ein aktuelles Beispiel liefert die aktuelle Diskussion um die Wiederzulassung des Herbizids Glyphosat oder verschiedener Nervengifte, deren Grenzwerte auf europäischer Ebene Anfang des Jahres 2017 um ein Vielfaches heraufgesetzt wurden.[5]

Von der systematischen Ausbringung von Chemikalien in der Landwirtschaft bis hin zur unkontrollierten Ablagerung und Verklappung von Giftstoffen aller Art im In- und Ausland sind große Teile der Böden durch gewerbliche oder militärische Verunreinigungen in Mitleidenschaft gezogen. Nicht nur wegen der Aufrechterhaltung eines globalen, fairen Wettbewerbs, sondern auch angesichts des Potenzials zur weiträumigen Exploration von PFC und anderer gefährlicher Chemikalien in der Umwelt, reichen die auf nationaler oder EU-Ebene getroffenen Maßnahmen bei weitem nicht aus, um ein angemessen hohes Schutzniveau für die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu gewährleisten. So sind ambitionierte internationale Maßnahmen einerseits dringend erforderlich und andererseits aussichtslos, solange die Art und Weise des Wirtschaftens in entwickelten Industrieländern von seiner strukturellen Seite nicht hinterfragt wird.

Immer noch werden bei Abwägung von bekannten Risiken der wirtschaftliche Nutzen vieler industrieller Anwendungen auf das Niveau der Unverzichtbarkeit gehoben. Während aber der private ökonomische Nutzen des Umweltverbrauchs messbar dargestellt und damit öffentlich wahrgenommen wird, bleiben die dadurch entstehenden (Kollateral-)Schäden in der Umwelt und damit ihre Sozialschädlichkeit unberücksichtigt. Die Maxime lautet ungebrochen: „Gewinne privatisieren und Kosten sozialisieren“. Die Schäden treten in vielen Fällen in Form von externen Effekten auf, zeitlich und räumlich weit verteilt. Die klassische Kosten-Nutzen-Perspektive berücksichtigt weder zukünftige, noch eingetretene Schäden für folgende Generationen, noch die Verfügbarkeiten von Ressourcen.

Im vorliegendem Fall sind auch Ressourcen im Raum Rastatt/Baden-Baden betroffen, namentlich die Verfügbarkeit von fruchtbaren Ackerböden und Trinkwasser. In den mit Schadstoffen belasteten Gebieten spielt der Gesichtspunkt der ökonomischen Rentabilität eine große Rolle, namentlich aufgrund der nach den PFC-Schadensereignis eingetretenen neuen Bedingungen.

Die sich immer weiter anhäufenden Altlasten aus gefährlichen chemischen Stoffen sind eine kaum überschaubare Gefahr für den ganzen Wirtschaftsstandort Deutschland. Mit der Diskussion um Nachhaltigkeit haben sich auch die Erwartungen an Unternehmen verändert: Die Gesellschaft erwartet, dass Unternehmen Verantwortung für ökologische und soziale Belange übernehmen. Die Firmen tragen nicht nur Verantwortung für ihre Herstellungsverfahren und Produkte, sie müssen heute mit Umweltauflagen und Ausgaben zurechtkommen, auch solchen, deren Ursachen lange in der Vergangenheit und außerhalb ihrer Verantwortung entstanden sind.

Wenn der Natur ein Eigenwert zugesprochen wird, so wie es sich in der Gegenwart aus dem Nachhaltigkeitsbegriff ergibt, kann daraus eine moralische Verpflichtung abgeleitet werden. Diese moralische Verpflichtung lautet: Den folgenden Generationen eine intakte Natur zu übergeben und alle vermeidbaren Beeinträchtigungen zu unterlassen. Dies gilt nicht nur für die Industrie und deren Produkte, für Bürgerinnen und Bürger, die über die privaten Haushalte für die PFC-Hauptfracht in den Oberflächengewässern sorgen. Dies gilt auch für die örtlichen Behörden und Wasserversorger.

Um die Verwendung von gefährlichen Chemikalien zu verringern, ist ein generelles Umdenken erforderlich. Die Herausforderung heute liegt im Bereich der Stoffgruppe der PFC beim Ausstieg aus den kurzkettigen per- und polyfluorierten Verbindungen. Der Ausstieg aus der PFOA-Chemie ist bereits vollzogen. Zu den sonst in der Industrie eingesetzten Fluorchemikalien gibt es noch keine wirksamen Alternativen, wenn auf die erwünschten Effekte nicht verzichtet werden soll.

In diesem Zusammenhang ist die Detox-Kampagne von Greenpeace beispielhaft. Die Kampagne hat zum Ziel, bei vielen Markenherstellern der Textilindustrie die Kontrolle problematischer Schadstoffe nicht nur auf das fertige Produkt in den Fokus zu nehmen, sondern den Herstellungsprozess und die dabei entstehenden Abwässer. Die Bekleidungshersteller Jack Wolfskin und die Fa. Vaude machen mit der Substitution von PFC bei der Herstellung ihrer Produkte einen hoffnungsvollen Anfang.

Substitution braucht aus Sicht der Produzenten viel Zeit und Geld. Bei der Substitution von kurzkettigen PFC können daher nur mittel- und langfristige Vorgaben zum Ziel führen. Für Outdoorbekleidung erscheinen mittelfristig fluorfreie Alternativen möglich. Schwieriger wird wahrscheinlich der Ersatz in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Operationsmaterialien oder Berufsbekleidung (Feuerwehr, Warnkleidung), wo an wasser- und schmutzabweisende Produkte sehr hohe technische Anforderungen gestellt werden. Im Bereich der alltäglichen Textilien wäre zu prüfen, wo die von der Industrie gesetzten Anforderungen wie auch Wünsche der Konsumenten als überhöht eingestuft werden (z.B. zur Schmutzabweisung). Für die Gesamtbelastung der Umwelt müssen ihre sozialschädlichen Folgen, wie beispielsweise die der per- und polyfluorierten Verbindungen berücksichtigt werden.

Für das Schutzziel „menschliche Gesundheit“ gelten in unterschiedlichen Kompartimenten (Badegewässer oder Trinkwasser) unterschiedliche Grenzwerte. Im zentralen Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft/Technik und wirtschaftlichen Nutzungserwartungen können (und müssen) alle Bewertungsdimensionen und Interessen offengelegt und austariert werden. Die Festsetzung von Grenzwerten kann gesellschaftlich einvernehmlich nur im zentralen Spannungsfeld aus experimentellen Wahrheiten (Wissenschaft), Marktwahrheiten (Privatwirtschaft), sozial-ökologischen Wahrheiten (Miteinanderwelt und Umwelt) und politischen Wahrheiten („Mehrheiten“) gelingen. In diesem Kontext werden Maßnahmen im Rahmen der Anwendung des europäischen Vorsorgeprinzips abgewogen. Durch möglichst umfassende und schnelle EU-weite Beschränkung bis weltweite Sanktion von gefährlichen Stoffen und solchen, die sich zu gefährlichen Stoffen abbauen, außerdem durch importierte Produkte, kann ein Verzicht wettbewerbsneutral wie auch deren Substitution unterstützt werden.


  1. Vgl. UBA, Hintergrundpapier PFC, 2009, zu kurzkettigen PFC, S. 14; Umweltbundesamt, Hintergrundpapier, http://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/chemikalien-reach/stoffgruppen/per-polyfluorierte-chemikalien-PFC
  2. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Information Nr. 015/2010 des BfR vom 30. März 2010, Expertengespräch bestätigt: PFC-Belastung des Verbrauchers durch Lebensmittel sehr gering, S. 1.
  3. Li L, Liu J, Hao X, Wang J, Hu J (2015). Forthcoming increase of total PFAS emissions in China, Poster at Fluoros 2015 International Symposium on Fluorinated Organics in the Environment, Colorado 2015, in: Greenpeace, Chemie in unberührter Natur, Detox: Greenpeace Kampagne rüttelt Branche auf, S. 10.
  4. Industriestaaten verbrauchen in der Regel zehnmal mehr Wasser als Entwicklungsländer. Vgl. World Wildlife Fund (2006). Rich countries, poor water.
  5. Die Europäische-Kommission erhöhte am 08.02.2017 die Acetamiprid-Grenzwerte für bestimmte Lebensmittel. Acetamiprid ist ein sogenannten Neonikotinoid und gilt als Nervengift. Die Grenzwerte für Schweinefleisch wurden um das 25-fache, für Spargel um das 80-fache erhöht, nachdem die EU-Kommission erst im vergangenen September die Grenzwerte, beispielsweise für Tomaten und Weizen erhöht hatte.

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Herausforderung PFC: Umweltbewusster handeln by Eduard Meßmer is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License, except where otherwise noted.

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