7 GFB e.V.: Lösungsvorschläge und Perspektiven

Neben vielen anderen Akteuren befasst sich seit Herbst 2016 auch das GFB e.V. mit der PFC-Problematik, zusammengefasst in einem Projekt, das den Namen „PFC-freies Mittelbaden“ trägt. Maßnahmen von den Behörden oder die bisher in Auftrag gegebenen Forschungsvorhaben der Landesministerien oder Behörden stellen auf absehbare Zeit kein nachhaltiges Sicherungskonzept in Aussicht.[1] [2] [3]

Lediglich sind hier gefahrenabwehrende Maßnahmen zu nennen: einerseits mit der Reinigung des Trinkwassers in den einzelnen Wasserwerken und mit einem Vorernte-Monitoring-Programm, mit dem unter anderem auch versucht wird, die Belastungssituation von Nutzpflanzen genauer zu erfassen. Im Hinblick auf diese Lage stellt das Projekt für einen lokalen, gemeinnützigen Verein eine wirkliche Herausforderung dar.

Die Prüfung von denkbaren oder derzeit bekannt Sanierungsverfahren zeigte, dass auf internationaler Ebene derzeit zahlreiche Bestrebungen erfolgen, Sanierungstechniken für PFC zu entwickeln. Allerdings haben sich neue Ansätze, wie auch zahlreiche, im Altlastenbereich bereits eingeführte Methoden wegen der sehr stabilen PFC-Verbindungen im Bodenbereich als nicht geeignet erwiesen. Hierzu gehören zum Beispiel Verfahren zur Stabilisierung, chemischen Umwandlung, Extraktion, mikrobiologischen Umwandlung. Ein interessantes Verfahren, PFC über die Pflanzen aus dem Boden zu entfernen und die Pflanzen anschließend zu verbrennen, könnte für eine mittelfristige Wiedernutzbarmachung der Landwirtschaftsflächen vielversprechend sein, die für die Grundwasserbelastung relevanten Einzelstoffe werden jedoch nicht in erforderliche Menge entfernt.[4]

Der Grund, weshalb die zuständigen Behörden keine nennenswerten Fortschritte erzielen konnten, liegt an der Komplexität der großflächigen und gleichzeitig parzellierten Schadenssituation, an den chemischen Eigenschaften einer kaum überschaubaren Stoffgruppe, in der nur schwer kalkulierbaren Ausbreitung der PFC in den Grundwasserströmen und auch in der Neubildung von PFC im Boden durch sogenannte Vorläufersubstanzen. Für diese Vorläufersubstanzen gibt es noch keine routinetauglichen, analytischen Möglichkeiten einer summarischen Erfassung. Wie aus verschiedenen Fachbeiträgen einer aktuellen PFC-Fortbildungsveranstaltung hervorging, müssen für ein besseres Verständnis zum Transfer von PFC im Boden und in Pflanzen noch einige Kenntnislücken geschlossen werden.[1] Die Möglichkeit für Vorhersagen ist erschwert durch den vorhandenen Mix fluorierter Chemikalien in der oberen Bodenschicht. Der „Fluor-Cocktail“ als Quelle von Vorläufersubstanzen (Precursor) kurzkettiger PFC ist schwer zu erfassen, denn innerhalb der Stoffgruppe der PFC werden mehr als 3000 Substanzen als Abbauprodukte von Vorläufersubstanzen angenommen. Kurzkettige PFC finden sich aufgrund ihrer hohen Mobilität vor allem in verzehrbaren Pflanzengeweben wieder (z.B. PFOA). Aufgrund ihrer Stabilität und weltweiten Verbreitung verursachen kurzkettige PFC zunehmende Besorgnis. Aufgrund der Vielfalt der Fluorverbindungen ist eine Analytik jeder Einzelsubstanz für die betroffenen Standorte nicht möglich. Um die jeweiligen Sachverhalte schneller und zielsicher zu erfassen, sodass auch Gegenmaßnahmen getestet werden könnten, arbeiten derzeit verschiedene Institutionen an der Entwicklung effizienterer Methoden (z.B. Gruppen- oder Summenparameter). Auf gesetzlicher Ebene (Stichwort: Europäische Chemikalienverordnung „REACH“) sind in den nächsten fünf Jahren keine regulatorischen Maßnahmen zu erwarten wie z.B. Beschränkungen bezüglich PFOA.[5]

Dennoch sieht die Projektgruppe des „Gemeinwohl-Forum-Baden e.V.“ neben einer sachbezogenen Aufklärung der Bevölkerung dennoch Möglichkeiten der Risikominimierung: „über und unter der Erde“.

7.1 – „PFC-frei“ durch Pflanzenkohle?

Die Einmischung des GFB in den mittelbadischen PFC-Umweltskandal hat mit den Zielsetzungen des Vereins zu tun, sich auf Umweltschutz, nachhaltige und innovative Projekte in der Region beziehen.

Im Gegensatz zum Belastungsrisiko für Wasser, dessen Bewältigung auf mehreren Ebenen angegangen werden kann (z.B. Versorgung der Bevölkerung durch nicht belastete Brunnen, zusätzliche Filtermodule) ist das Risiko für Pflanzen ausschließlich lokal am Produktionsstandort zu beheben.

Aus dem Kreis des GFB e.V. kommt unter anderem ein konkreter Vorschlag, namentlich der, die PFC mit spezieller Pflanzenkohle zu binden. Dieser Vorschlag beruht auf der Annahme, mit dem gezielten Eintrag von zertifizierter Pflanzenkohle weitere Auswaschungen von PFC im Grundwasser vorzubeugen, um damit das PFC-Risiko zu minimieren. Zu Grunde liegt das Mindestziel, PFC-Belastung im Boden so zu verringern, dass die Vorsorge-Grenzwerte in Nahrungspflanzen und im Grundwasser unterschritten werden. Die Grundidee von Pflanzenkohle als Lösungsweg beruht auf ihrer Fähigkeit zur Adsorption. Sind Pflanzenkohlen mit Oberflächeneigenschaften herstellbar, welche eine ausreichende Sorption von PFC-Verbindungen gewährleisten und so die Mobilität von PFC einschränken, wäre ein geringerer Transfer von PFC in Pflanzen und das Grundwasser zu erwarten.

Pflanzen- oder Biokohlen stellen für sich keine chemisch-physikalisch homogene Stoffgruppe dar, sondern sind ein Sammelbegriff für feste Endprodukte aus sauerstofffreier, thermo-chemischer Konversion von Biomasse. Erfolgt die Umwandlung mittels Pyrolyse, dann wird das Produkt als Pyrolyse-Kohle oder „Pflanzenkohle“ bezeichnet. Unter Sauerstoffausschluss wird die getrocknete Biomasse auf Temperaturen von 400 bis zu 800 Grad erhitzt, wobei die langkettigen Kohlenstoffverbindungen der organischen Zellen zerbrochen werden.

So entstehen Wärme, Pyrolyse-Gase und bis zu 40% Bio-Kohle, deren Konsistenz der normalen Grillkohle entspricht. Es handelt sich bei der Pyrolyse im Grunde um eine über 5000 Jahre alte Methode, mit der Einschränkung, dass in den Köhleröfen unserer Vorfahren nur Holz als Ausgangsprodukt verwendet wurde. Die Pyrolyse-Gase entwichen ungenutzt in die Atmosphäre. Dank intelligenter Schwelkammern und dem sogenannten Flox-Verfahren können nunmehr die äußerst energiereichen Pyrolyse-Gase schadstoffarm verbrannt werden. Die dabei entstehende Abwärme lässt sich zu Heizzwecken nutzen oder über einen Kraft-Wärme-Koppler in Elektrizität umwandeln.

 

Pyrolyse-Anlage in Vietnam

Know-How Transfer der Pyrolyse-Technologie zwischen Schweiz und Vietnam.

(Kaffeeproduzent Viet Hien Ltd., Bin Minh Cooperative, und Fa. Sofies-Emac, Wildbachstrasse 46, 8008 CH-Zürich, www.sofiesgroup.com)

Nahezu emissionsfreie Trocknung der geernteten Kaffeebohnen;

Nutzung der Abfall-Biomasse zur Erzeugung von Hitze für die Produktion von Pflanzenkohle zur Bodenverbesserung.

Biomasse kann auch mittels hydrothermaler Verfahren, verkürzt ausgedrückt, durch „wässrige Verkohlung bei erhöhter Temperatur“ karbonisiert werden. Die Produkte mit diesem Verfahren hergestellt, werden als „HTC-Kohlen“ oder als „Hydrokohle“ bezeichnet. Mit dem chemischen Verfahren der hydro-thermalen Karbonisierung wir die einfache Herstellung von Braunkohlesubstitut, Synthesegas, flüssigen Erdöl-Vorstufen und Humus aus Biomasse unter Freisetzung von Energie möglich. Der nicht verwertete Anteil entweicht bei der Herstellung von HTC-Kohlen als Kohlenstoffdioxid bzw. bei der Vergärung als Methan in die Atmosphäre; beide Gase gelten als klimaschädlich. Zusätzlich wird bei diesen Verfahren Wärme frei, die bisher nicht genutzt wird. Der Vorschlag des GFB zur PFC-Risikominimierung schließt den Einsatz von Pflanzenkohlen aus, die mit dem HTC-Verfahren hergestellt werden. Dies wegen der negativen Kohlenstoffeffizienz und ihrer klimaschädlichen Auswirkungen von HTC-Kohlen.

 

Pflanzenkohle nach ihrer Herstellung

Hingegen könnte mit Öko-Pflanzenholzkohle, im Fachjargon „EBC-Pflanzenkohle“ (zertifiziert nach dem anerkannten europäischen „European Biochar Certificate“ oder der österreichischen ÖNORM „S 2211“)[6], gefährliche Chemikalien wie PFC gebunden werden. EBC-Pflanzenkohle ist vor allem für die Landwirtschaft interessant, denn diese Kohle ist überall dort im Gespräch, wo es um gesunde Böden, Pflanzen, Tiere, Nahrungs- und Futtermittel und sogar um Arzneimittel geht.

Wenn die zur Verkohlung benutzte Biomasse sauber ist, können Schadstoffeinträge durch die eingebrachte Pflanzenkohle ausgeschlossen werden. Mit dem Eintrag von EBC-Pflanzenkohle im Boden und dem dadurch bewirkten, verstärkten Pflanzenwachstum wird zusätzliches Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre gebunden, so dass im Endeffekt eine Kohlenstoff-Effizienz größer als 1 oder anders ausgedrückt, eine erwünschte CO2-Bilanz erreichbar ist.

Die Wirkung von Pflanzenkohle wird in einer erhöhten Nährstoff- sowie Wasservorratshaltung gesehen. Die Verwendungszwecke reichen dabei von Bodenverbesserung, Kompostierzusätzen, als Trägerstoffe für Düngemittel, zur Güllebehandlung, als Stalleinstreu, als Silierhilfsstoffen, Futtermittel, bis hin zu einem medizinischen Einsatz. Aber zuallererst ist Pflanzenkohle ein unglaublich guter Bodenverbesserer, die im Verbund mit effektiven Mikroorganismen (EM) zu chemiefreier Schwarzerde („Terra Preta“ / „Bio-Kohle“) verarbeitet werden kann.

Die hochporöse Pflanzenkohle lockert den Boden und wirkt wie ein Schwamm, der Wasser, Nährstoffe, Kohlenstoffdioxid (CO2) aufsaugt. Dabei kommt es zu einer bedarfsgerechten Abgabe dieser Stoffe an die Pflanzen. Mit jedem Kilogramm Pflanzenkohle im Boden wird dauerhaft der Atmosphäre CO2 entzogen, da der Kohlenstoff der Pflanzenkohle ursprünglich von Pflanzen aus der Atmosphäre aufgenommen wurde. Der breite Einsatz von Pflanzenkohle könnte damit einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Ein weiterer positiver Effekt der Pflanzenkohle ist die hohe mikrobielle Diversität, die einer Bodenversauerung durch mineralische Stickstoffdünger entgegenwirkt. Der künstlich erzeugte Humus (Terra Preta) kann zur Wiederbegrünung erodierter Flächen genutzt werden.

Die hier positiv herausgestellten Eigenschaften der Pflanzenkohle zu Klima, Wirtschaftlichkeit und Ertrag müssen jedoch auch kontroversen Diskussionen unter Experten standhalten. Exemplarisch dazu sei eine sehr kritische Studie von Dr. Martin Bach von der Universität Gießen hier angesprochen, der zur Anwendung von Pflanzenkohle in einer Fachzeitschrift in einem Artikel als Überschrift die Fragestellung wählt: „Klimaretter oder Mogelpackung?“[7] Die Bach-Studie ihrerseits wird wiederum zu Datenauswahl und Analysetechniken von FIDEL et. al. kritisiert.[8] Mit diesem, hier verkürzt zusammengefassten Diskurs, kann auch einem Laien nahegelegt werden, mit welchen Hürden sich Wissenschaftlern bei einschlägigen Untersuchungen konfrontiert sehen. Dies ermöglicht gleichzeitig einen tieferen Einblick in das vom GFB initiierte PFC-Pflanzenkohle-Forschungsvorhaben, das die folgenden Aspekte berücksichtigt. Danach sollten Auswertungen von Feldstudien mit vergleichenden Ernteergebnissen grundsätzlich Aussagen über die jeweils verwendete Pflanzenkohleart enthalten. Zu berücksichtigen ist, dass die Häufigkeit der Signifikanz positiver Ernteeffekte der Pflanzenkohle viel höher ist, als die Häufigkeit von signifikant negativen Ergebnissen. Die realen Verhältnisse erbringen gegenüber zufällig gewählten Versuchsböden bessere Ergebnisse, weil Landwirte die Pflanzenkohle problemorientiert anwenden. Das gilt vor allem für Böden, wo die erwarteten Erfolgschancen am höchsten erwartet werden, namentlich auf ärmeren, sauren oder sandigen Böden oder Böden mit geringer Nährstoff- oder Wasserspeicherkapazität. Die Versuchsergebnisse sollten erst dann subsummiert werden, wenn nach solchen Kriterien differenziert wurde. Die Herleitung bestimmter Halbwertszeiten für bestimmte Pflanzenkohlen sollten die jeweiligen Abbaumodelle, bei Inkubationsexperimenten die Begrenzung der Inkubationszeit, die spezifischen Unterschiede der Pflanzenkohle wie auch Pflanzenkohle-Boden-Interaktionen berücksichtigen und sich nicht allein auf die Ermittlung der CO2-Emission stützen. Der Studie von Dr. Martin Bach et.al, wird darüber hinaus entgegengehalten, dass in Böden im Alter von mehr als 500 Jahren wiederholt Kohlefragmente gefunden wurden. Auch die Ergebnisse aus C-14-Altersbestimmungen dieser Kohlen führen zu einem erheblich höheren Median bei der Halbwertszeit von Pflanzenkohlen, als von manchen Kritikern angenommen. Zusammenfassend werden die Ergebnisse von einschlägigen Studien signifikant beeinflusst von der Bodenart, den klimatischen Verhältnissen, der Bewässerung/Wetter und den Bedingungen der Anwendung von Pflanzenkohle, wie etwa der Verkohlungstechnik und dem Ausgangsmaterial der Pflanzenkohle.

Dann werden die Thesen zur Klimaverbesserung mit der breiten Anwendung von Pflanzenkohle durch die Autoren Woolf et al. bestätigt, die davon ausgehen, dass die Pflanzenkohle-Technik das Potenzial hat, die kosteneffizienteste „C-capture and storage“ zu werden.[9] Einer der Pioniere in der Pflanzenkohle-Forschung, Prof. Dr. Bruno Glaser von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, stützt sich auf Erkenntnisse, die er etwa seit 2010 mit seinen Forschungen zur Herstellung und Anwendung von Biokohle und Biokohlesubtrat gewonnen hat. Die Pflanzenkohle-Forschung kann damit zeigen, unter welchen Bedingungen eine ausgeprägte positive und lang anhaltende Wirkung der Biochar-Anwendung zu erwarten ist.

Aber nicht nur Wissenschaftler haben sich in den letzten Jahrzehnten mit der Pflanzenkohle beschäftigt. Die Erfahrungen von Praktikern scheinen die hier positiv dargestellten Eigenschaften der EBC-Pflanzenkohle zu bestätigen, jenseits aller diskutierten Kritik. Hier angesprochen sind beispielsweise konkret die Praktiker, die sich neben Wissenschaftler/innen im Fachverband Pflanzenkohle zusammengeschossen haben.

Nach einiger Vorarbeit, die zum Jahreswechsel bis zur Mitorganisation der Gründung des Fachverbandes „Pflanzenkohle“ Anfang des Jahres 2017 reichte, konnte die Projektgruppe des Grünen Forum Baden e.V. mehrere renommierte Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich gewinnen. Die Forscher setzen sich im Hinblick auf den mit PFC kontaminierten Böden mit verschiedenen komplexen Fragestellungen auseinander, die letztlich eine fundierte Aussage darüber ermöglichen sollen, inwieweit sich mit ökologisch unbedenklicher EBC-Pflanzenkohle die noch Jahrzehnte andauernden PFC-Risiken in Mittelbaden minimieren lassen. Das Projekt ist auf eine Dauer von mehreren Jahren konzipiert. Bei dem Forschungsvorhaben wird das Ausgangsmaterial und Herstellungsverfahren für Pflanzenkohle, wie auch der Aspekt der Wirtschaftlichkeit und Praktibilität des Einsatzes von Pflanzenkohle eine maßgebliche Rolle spielen.

Dieses Projekt des GFB profitiert in starkem Maße von dem Expertenwissen aus dem Mitgliederkreis des neu gegründeten Fachverbandes „Pflanzenkohle“, der sich zur Aufgabe gestellt hat, das Wissen aus der Pflanzenkohleforschung und aus der Praxis zu bündeln und jedermann zugänglich zu machen.[10] Die 1. Vorsitzende des Fachverbandes Pflanzenkohle ist Mitglied des wissenschaftlichen GFB-Konsortiums.

Die Ergebnisse aus den jüngsten Pflanzenkohle-Forschungen sind ermutigend: Es konnte mit stark belastetem Hafenschlick im Fjord in Oslo gezeigt werden, dass im Gegensatz zu organischer Masse, eingebrachte (saubere) Pflanzenkohle in außergewöhnlich hohen Maße organische Verbindungen wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs)[11], Pestizide und Dioxine bindet, so dass Verunreinigungen mit diesen Stoffen nur noch gering bioverfügbar waren.[12] Auch bei PFC-kontaminierten Flughäfen, an denen Löschschäume ausgebracht wurden, die in der Regel ganz bestimmte PFC enthalten, konnte Vergleichbares festgestellt werden.

Das hieße für eine Anwendung des initiierten Pflanzenkohle-Forschungsansatzes in der mittelbadischen Region, dass die PFC im Boden verbleiben. Dennoch kann erwartet werden, dass die Pflanzenkohle die PFC, sozusagen als eine Art „Pflaster“, dauerhaft festhält und dauerhaft dafür sorgt, dass die PFC nicht mehr weiter und über die Zeit zunehmend vermindert ins Grundwasser ausgewaschen werden.

Wenn die zur Verkohlung benutzte Biomasse sauber ist, können Schadstoffeinträge durch die eingebrachte Pflanzenkohle ausgeschlossen werden. Mit dem Einsatz von Bio-Pflanzenkohle wird Zeit gewonnen, welche die exponentiell fortschreitende technologische Entwicklung noch braucht, um in der Zukunft eine Lösung für die auf natürlichem Weg nicht-abbaubaren PFC in Aussicht zu stellen. Die Zielsetzung des GFB-Projekt geht dennoch eine bloße Stabilisierung in den Böden hinaus, auch wenn dieser Aspekt zeitlich nicht kalkuliert werden kann.

Schon die Aussicht auf einen adsorbierenden Einsatz von Pflanzenkohle im Zusammenhang mit PFC in der Region Mittelbaden, könnte angesichts der akuten und immensen Schadenssituation die zuständigen Behörden, die Politik und sonstige Betroffene entlasten und als Pilot erste Ansätze zeigen, die schädlichen Folgen der Einträge von gefährlichen Chemikalien zu neutralisieren.

Darüber hinaus zeigen die Eigenschaften von Pflanzenkohle, dass sie eine enorme Bedeutung für die Landwirtschaft erlangen kann. Mit Pflanzenkohle eröffnet sich für Landwirte und auch für Hobbygärtner eine große Chance. Diese Chance ergibt sich daraus, dass die Herstellung von Pflanzenkohle mit kleineren Pyrolyse-Öfen in genügender Menge und bester Qualität kostengünstig möglich ist, mit eigenen, vor Ort anfallenden Reststoffen/Biomasse.

 

Foto: Eberhard Rudert

Micro-Pyrolysegerät «PyroCook»

Gesamthöhe: 750 mm / Gewicht 12 kg

Fassungsvermögen: 8 Liter

Hersteller: Fa. Kaskad-E GmbH, CH-Basel, www.kaskad-e.ch

 

Verkohlung von verholzter Restbiomasse

zur Herstellung von Pflanzenkohle unter Verwendung

des Pyrolysegases als (Koch-)brenngas.

Durch die Nutzung regional anfallender Biomasseabfälle mit dem Doppeleffekt der Schadstoffsicherung/-abbau und dem Effekt der Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit wird mit ökologisch sauberer Pflanzenkohle eine Steigerung der Ressourceneffizienz und der regionalen Wertschöpfung erreicht.

Dadurch ist der Grundstein gelegt für ein Zusammenspiel der Karbonisierung von Biomasse und dem Boden, der Biomasse/Bioabfällen/Gärresten und effektiven Mikroorganismen bis hin zur Heizenergieerzeugung. Das Zusammenspiel dieser Komponenten ist geeignet, eine moderne, bio-basierte Kreislaufwirtschaft auf lokaler Ebene zu etablieren.

Stoffkreislaufmanagement mit Pflanzenkohle

Quelle: Eberhard Rudert, Fa. Helivolt Sarl, F-67240 Schirrhofen

Dieses fruchtbare und nachhaltige System kommt vor allem landwirtschaftlich geprägte Regionen in den Entwicklungsländern zugute, denn es stellt einen praktikablen Ansatz mit globaler Reichweite zur Disposition, der die Probleme rund um das Ressourcen-Management mit einem dezentralen Ansatz minimiert.

Mit dem Einsatz von Bio-Pflanzenkohle wird Zeit gewonnen, welche die exponentiell fortschreitende technologische Entwicklung noch braucht, um in der Zukunft eine Lösung für die auf natürlichem Weg nicht-abbaubaren PFC in Aussicht zu stellen. Die Zielsetzung des GFB-Projekt geht dennoch eine bloße Stabilisierung in den Böden hinaus, auch wenn dieser Aspekt zeitlich nicht kalkuliert werden kann.

Damit ist durchaus denkbar, dass dieses GFB-Projekt eine Bedeutung weit über die Region hinaus erlangen könnte und den fruchtbaren und vielseitigen Eigenschaften der nach dem EBC-Standard hergestellten Pflanzenkohle mehr öffentliche Aufmerksamkeit zukommt.

 

7.2 – Einrichtung einer Regionalwert AG

Die PFC-Schadenslage kann sich vor allem für Landwirte sehr nachteilig auf ihre wirtschaftliche Situation auswirken. Im Rahmen der Einrichtung einer sogenannten Regionalwert AG kann der Negativwert belasteter Böden positiv gewendet werden, indem beispielsweise bisher landwirtschaftlich genutzte Flächen durch Umwidmung ihrer Nutzung in den Wirtschaftskreislauf wieder eingegliedert werden. Ein Anreiz zur Konversion von landwirtschaftlichen Flächen ist im Zusammenhang mit der PFC-Schadenslage proportional zur individuellen Betroffenheit der Eigentümer von belasteten Grundstücken oder Ackerflächen gegeben. Die Konversion von landwirtschaftlich genutzten Flächen dürfte vor allem dann annehmbar werden,, wenn sich die Bewirtschaftung der Äcker mit den Einschränkungen und Aufwänden durch die PFC-Belastung dauerhaft als unwirtschaftlich darstellt. In diesem Falle könnte eine „Regionalwert AG“ in der Form einer Bürgeraktiengesellschaft die belasteten Landflächen für eine sinnvolle wirtschaftliche Nutzung übernehmen.

 

7.3 – Konversion belasteter Flächen

Unabhängig von Rechts- oder Organisationsformen kommt für belastete Flächen grundsätzlich eine Umwidmung ihrer Nutzung in Betracht:

  • Phytosanierung mit geeigneten Pflanzensorten,
  • Anpflanzung schnellwachsender Holzsorten zur Pelletproduktion,
  • Bebauung für die gewerbliche Nutzung oder Wohnen.
  • Gewerbliche Nutzung, zum Beispiel durch Aufstellen von Solaranlagen,
  • Verwirklichung moderner Wohnungsbau-Ideen,
  • Ansiedlung von Gewerbe,
  • Nutzung belasteter Flächen für Forschungsvorhaben.

Die Anerkennung der PFC-belasteten Flächen als Konversionsflächen wird inzwischen von Landespolitikern empfohlen.[13]

 

7.4 – Einrichtung eines kommunalen Stiftungsfonds

In Betracht kommt auch die Einrichtung eines kommunalen Stiftungsfonds in der Form einer Bürgerstiftung. Bei Bürgerstiftungen tragen Bürgerinnen und Bürger selbst für die Weiterentwicklung des lokalen Gemeinwesen die Verantwortung.[14] Nicht der Staat hilft den Bürgern, sondern die Bürger helfen sich zunächst einmal selbst.

Kommunale Stiftungen werden nach dem Willen des Stiftenden von der Kommune verwaltet und dienen überwiegend örtlichen Zwecken. Sie sind Ausdruck von Bürgersinn, getragen von Akteuren der Zivilgesellschaft. Sie erfüllen keine staatlichen Aufgaben oder gesetzlichen Aufträge. Diese Bürgerstiftungen leben von der Vielzahl ihrer Stifter und Zustifter: Neben Privatpersonen engagieren sich auch Unternehmerinnen und Unternehmer. Ein kommunaler Stiftungsfonds vereint die Vorteile einer Genossenschaft mit den Vorteilen der Stiftung. Der Fonds kann in der Höhe und in der Laufzeit begrenzt werden.

Ähnliche Projekte gab es bereits unter der Federführung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau- und Reaktorsicherheit zur Sanierung von ganzen Quartieren. So in Bad Oldesloe, Kiel und Nürnberg. Beispielsweise verwaltet die Stadt Münster fünf rechtlich selbstständige Stiftungen, drei Treuhandstiftungen und zwei Stiftungsfonds.[15] Das Organ der Stiftung ist in Münster der Rat, dort vertreten durch den jeweiligen Oberbürgermeister und beraten durch den Ausschuss für Soziales, Stiftungen, Gesundheit, Verbraucherschutz und Arbeitsförderung. Als Stiftungsvorstand steuert der Rat der Stadt Münster –von den Bürgerinnen und Bürgern demokratisch gewählt– treuhänderisch das Stiftungshandeln.

Der kommunale Stiftungsfonds basiert auf einer Kombination von gewerblicher und gemeinnütziger Stiftung mit einem gemeinsamen Treuhänder. Mit in die Struktur eingebunden ist sowohl eine gewerbliche als auch eine gemeinnützige Stiftung. So handelt es sich um eine Treuhandstiftung, deren Treuhänder die Genossenschaft ist. Die Genossenschaft selbst besteht einerseits aus der Kommune und andererseits aus den Bürgern als aktive Mitglieder. Die gewerbliche Stiftung ist eine Hybridgesellschaftsform, denn sie ist als private Anstalt mit öffentlichen Aufgaben, einerseits privat und auf der anderen Seite kommunal. Bei diesem zweigleisigen Modell ist der Projektträger eine steuerpflichtige gewerbliche Stiftung. Eine zweite gemeinnützige steuerfreie Stiftung dient unter anderem der Finanzierung.

In Deutschland sind solche Organisationsformen kaum bekannt. Dennoch ergänzt diese Gesellschaftsform die gegenüber Krisen sehr widerstandsfähige und in Deutschland (noch) übliche Drei-Säulen-Wirtschaft in der Form von öffentlich rechtlichen Anstalten, Genossenschaften und reiner Privatwirtschaft. Die gewerbliche Stiftung gewährleistet volle Transparenz.

Ein Kommunaler Stiftungsfonds könnte nicht nur die wirtschaftliche Situation der mit PFC-kontaminierten Böden betroffenen Landwirte auffangen, sondern darüber hinaus hier in der betroffenen Region selbstorganisierend Bürgerengagement und Demokratie fördern. Der Deutsche Städtetag fordert in seinem Thesenpapier zur lokalen Demokratie mehr Bürgerbeteiligung, denn diese ist Kern der lokalen Selbstverwaltung und bietet eine ganze Reihe an finanziellen und steuerlichen Vorteilen. Damit wird eine „Win-Win-Situation für alle Beteiligten“ erzeugt. Dieser Ansatz ist nicht nur geeignet, die finanziellen Mittel für eine finanziell umfängliche Sanierung zu beschaffen, sondern schafft auf lokaler Ebene und vor allem in ländlichen Gegenden Arbeitsplätze. Zusätzlich wäre dies ein starker Impuls für die Stärkung des Mittelstandes.

Ein kommunaler Stiftungsfonds könnte einerseits den Betroffenen aufgrund der PFC-Schadenssituation helfen. Andererseits eröffnet ein solcher Fonds allen Bürgern sichere Investitionsmöglichkeiten, beispielsweise für ihre Altersvorsorge oder direkt, etwa mit Erwerb von Rentenansprüchen. Bürger, die zur Sicherung ihrer Altersvorsorge in kommunale Stiftungsfonds investieren, vermeiden den ineffizienten Umweg über Kapitalsammelstellen wie Lebensversicherer und Pensionskassen.

Die Kommune kann sich als Gründungsstifter oder durch Spenden in den Vermögensstock (Zustiftungen) an einer Bürgerstiftung einbringen. Abgeraten wird, dass die Kommune selbst eine solche Stiftung gründet oder sich selbst als Initiator oder Motivator in die Pflicht nehmen lässt. In die Stiftung kann die Kommune neben Geld auch Immobilien, Wertpapiere, Unternehmensbeteiligungen oder sonstige Vermögensgegenstände einbringen.

Dieses Strukturmodell könnte im Hinblick auf die besondere Schadenssituation in Mittelbaden eine zukunftsweisende Politik einleiten.


  1. Deutscher Bundestag, 18. Wahlperiode, Drucksache 18/5905, Antwort der Bundesregierung vom 3. September 2015 auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Peter Meiwald, Oliver Krischer, Dr. Julia Verlinden, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Ziffer 21, Seite 16. http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/18/059/1805905.pdf
  2. Arcadis-Gutachten, Projekt: "PFC-Boden- und Grundwasserbelastungen im Raum Rastatt/Baden-Baden", vorgezogene Sanierungsbetrachtungen, Az.: rh / csr-aei DE0115.000069, 30.05.2015, S. 55 – 75.
  3. Landratsamt Rastatt, Öffentliche Informationsveranstaltung am 04.11.2015, Vorstellung des Arcadis-Gutachtes.
  4. Fa. Arcadis, Kurzbrief an LRA Rastatt u. Stadt Baden-Baden, 23.10.2015, rh/csr-aei DE0115.000069.
  5. Brendel, Stefan, Umweltbundesamt Dessau-Roßlau, PFC – vom Nachweis zur Regulierung, Vortrag bei einer Fortbildungsvreanstaltung des Fortbildungsveranstaltung des Fortbildungsverbundes Boden und Altlasten Baden-Württemberg mit dem Thema: "PFC-Umweltbelastungen und der Umgang hiermit" am 18. Mai 2017 im Landratsamt Rastatt.
  6. "European Biochar Certificate" (EBC) oder ÖNORM S 2211, als europäische oder österreichische Qualitätsnorm mit Festlegungen der Qualitätsanforderungen und Untersuchungsmethoden für Pflanzenkohlen: http://www.european-biochar.org/de/ ; http://www.bdb.at/Service/NormenDetail?id=583978
  7. Bach, Martin, Instiut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement, Universität Gießen, Zwischen Klimaretter oder Mogelpackung?, Zeitschrift "Müll und Abfall, Fachzeitschrift für Abfall- und Ressourcenmanagement, 1/2017 (erstveröffentlicht); Bwagrar, 22/2017; http://www.bwagrar.de – Literaturliste mit Webcode: 5448012; http://www.badische-bauern-zeitung.de
  8. Fidel, Rivka et. al., Commentary on ‘Current economic obstacles to biochar use in agriculture and climate change mitigation’ regarding uncertainty, context-specificity and alternative value sources, in: Journal "Carbon Management", Volume 8, 2017 - Issue 2, http://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17583004.2017.1306408
  9. Woolf, Dominik / Amonette, James E. / Street-Perrott, F. Alayne / Lehmann, Johannes / Joseph, Stephen, Sustainable biochar to mitigate global climate change, in: nature communications, Artikel 56/2010, https://www.nature.com/articles/ncomms1053
  10. Erreichbarkeit des Fachverbandes Pflanzenkohle über die Domain: http://www.fachverbandpflanzenkohle.org
  11. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind eine Stoffgruppe, aus mehreren hundert chemischen Einzelverbindungen. Sie entstehen bei der Erhitzung bzw. Verbrennung von organischen Materialien unter Sauerstoffmangel (unvollständige Verbrennung).
  12. Internationales "Final EU-COST and ANS Biochar Symposium 2015" in Geisenheim vom 28.9. – 30.9.2015, Zusammefassung, Universität Geisenheim. http://www.pyreg.de/website/resources/documents/zusammenfassung-biochar-symposium-geisenheim-2015.pdf
  13. Badische Neueste Nachrichten, 18.08.2017, Blatt 10/25, Artikel: "Wie gelangt PFC in den Sandbach?". Fünf Fragen an Landtagsabgeordnete Bea Böhlen (Grüne).
  14. Nährlich, Stefan (2007): Rechenschaft und Governance. Wie sich Stiftungsarbeit legitimiert. In: „Themenpaket Bürgerstiftungen“ der Heinrich-Böll-Stiftung. Onlinebeitrag in der Kommunalpolitischen Infothek.
  15. Die kommunalen Stiftungen Münster, http://www.stiftungen-muenster.de/de/die-stiftungen---/die-kommunalen-stiftungen/

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