9 Schlussfolgerungen

Auch bei dem mittelbadischen PFC-Schadensereignis geht es nicht -wie so oft- im Umweltschutz nur um moralische Verpflichtungen oder im Rahmen des europäischen Vorsorgeprinzips um die Abwägung von Nutzen und Risiken, sondern es geht ganz einfach um den Sinn und Zweck der Einhaltung der Vorschriften des Umweltrechts, an die nicht nur Bürger, sondern auch Behörden gebunden sind.

Obwohl die Ursachen für die Verunreinigungen mit PFC in der mittelbadischen Region schon vor mehr als zehn Jahren gesetzt wurden, wirkt das Problem bis heute in einem kaum überschaubaren Ausmaß mit Aspekten nach. An die Folgewirkungen scheint bis etwa 2013 niemand gedacht zu haben. Das ursprüngliche Ausmaß der PFC-Belastungen, lässt sich mitunter auch mangels behördlicher Initiative heute nicht mehr feststellen.

Der Schadenssituation und mit ihr sämtliche Strategien und Maßnahmen der Gegenwart, können heute nur noch mit einer Perspektive der bloßen Schadensbegrenzung begegnet werden. Die noch denkbar möglichen, sinnvollen Maßnahmen und Lösungen erweisen sich jetzt in der Praxis zumeist als kaum praktikabel oder unerschwinglich teuer.

Die Entrüstung innerhalb der mittelbadischen Bevölkerung hielt sich dennoch bislang in Grenzen. Die Dimension der mittelbadischen PFC-Problematik ist im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein noch nicht angekommen. Im Zeitraum Dezember 2016 bis zum Erscheinen der zweiten Auflage dieser Broschüre hat sich die Summe, der von PFC belasteten Flächen in der Region abermals erhöht, von 470 auf nunmehr 486 Hektar.

Spätestens dann, wenn

  • gesundheitliche Belastung der Bevölkerung festgestellt werden sollte,
  • die allgemeine PFC-Belastung in Mittelbaden als Standortfaktor für Unternehmen relevant wird,
  • nach den ersten Sanierungsmaßnahmen der Zeitpunkt kommt, wo nicht nur Verursachungs-, sondern auch sogenannte Zustandsstörer von den Behörden bis zum Wert ihrer Grundstücke finanziell in Anspruch genommen werden,
  • landwirtschaftliche Betriebe ihre Existenz aufgeben müssen,
  • vor allem dann, wenn um Kosten gestritten wird,

werden sich die direkt betroffenen und beteiligten Akteure (Geschädigte, Behörden und Landesministerien) und nicht zuletzt die breite Bevölkerung dem wirklichen Ausmaß des Problems bewusst werden, auch wenn wir uns alle wünschen, dass diese Szenarien nicht eintreten.

Die PFC-Grundwasserfahne hält sich an keine Grenzen, auch nicht zeitlich. Die relative Ruhe in der Bevölkerung ist dennoch nachzuvollziehen, denn die Behörden haben es geschafft, dass sich Bürgerinnen und Bürger an ihren Kernaussagen orientieren: „Lebensmittel und Trinkwasser könnten bedenkenlos konsumiert werden“.[1] Doch direkt betroffen könnten jedoch aktuell immer noch alle Einwohner in der mittelbadischen Region sein, wenn sich noch herausstellen sollte, dass das behördliche Kontrollnetz für landwirtschaftliche Produkte (Vorerntemonitoring) nicht ausreicht, um die Bevölkerung vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren. Im Grunde werden die Behörden durch die noch nicht geschlossenen Lücken bei bei der Erforschung der gesundheitlichen Auswirkungen von PFC geschützt, da ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen PFC und einer Krankheit nur in Ausnahmefällen hergestellt werden kann. Die vorhandene PFC-Kontamination werden die Bürgerinnen und Bürger in Mittelbaden so oder so noch viele Jahre/Jahrzehnte beschäftigen.

Vieles liegt noch im Ungewissen. Vieles liegt noch im Ungewissen. Die monetären Kosten können nur soweit eingeschätzt werden, dass sie von vielen Schultern getragen werden müssen. Gegenwärtig haben die Aufwendungen der Wasserversorger bereits die vielfache Millionenhöhe erreicht. Bestimmte Einzelmaßnahmen, wie der Aushub aller belasteten Böden, wird derzeit noch ausgeschlossen, weil Kostenschätzungen dafür in die Milliarden gehen und auch die der Entsorgung eine unüberwindbare Hürde darstellt.

Die Behörden und zuständigen Ministerien gehen von einem „längeren Zeitraum“ aus, bis die Eignung verschiedener Sanierungsmethoden und Maßnahmen bewertet werden kann. Im Oktober 2016 teilten die zuständigen Landesministerien mit, dass ein Unterbinden einer weiteren Schadstoffbelastung im Grundwasser aufgrund der komplexen Situation nach derzeitigem Kenntnisstand mit verhältnismäßigen Mitteln nicht möglich sei.[2] Zu diesem ernüchternden Ergebnis kamen übereinstimmend am 18. Mai 2017 auch die vortragenden Experten bei einem Symposium des Fortbildungsverbundes Baden-Württemberg im Landratsamt Rastatt mit 150 Teilnehmern.[3]

Nur eines scheint klar: Erst wenn ausreichende Erkenntnisse zur Gesamtbelastungssituation im Boden und Grundwasser und deren weiterer Entwicklung vorliegen, könnten Sanierungsvarianten konkret geplant und in ihrer Wirksamkeit beurteilt werden.[4] Das Landratsamt Rastatt hält mit dem Hinweis auf gutachterliche Sanierungsvorbetrachtungen –damit durchaus begründet– daran fest, dass mit Sanierungsmaßnahmen nicht vor dem Jahr 2021 begonnen werden kann, ohne jedoch eine Prognose stellen zu können, ob Sanierungsmaßnahmen überhaupt in Betracht kommen. Forderungen der örtlich zuständigen Behörden an Eigentümer von belasteten Grundstücken sind gegebenenfalls erst nach Beginn von Sanierungsmaßnahmen zu erwarten.

Den zahlreichen Vorwürfen und den Besorgnissen aus der Bevölkerung, Politik, Kommunen, Wasserversorgern, von Gruppen wie der Bürgerinitiative „Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim“, begegneten die Kreisbehörden und Landesministerien bis in das Jahr 2017 abwehrend, wie sich auch die Ministerien gegen die Verwendung des Begriffs „Skandal“ sträuben (wie eingangs erwähnt). Zu einer schon als „verzweifelt“ zu bezeichnenden Resolution der (Ober-)Bürgermeister aus der Region an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann Anfang November 2016[5] ist dazu die Stellungnahme von Thomas Hentschel (MdL) von der Partei Bündnis90/Die Grünen in einem Interview exemplarisch: „Die Landesregierung habe verhältnismäßig schnell reagiert bei der Verseuchung mit einem Stoff für den es weder Grenzwerte gab noch jemand einzuschätzen wusste, welche Gesundheitsgefahr davon ausgeht“.[6]

Der dargestellte Forschungsstand etwa ab dem Jahre 2008 zeigt, inwieweit eine solche Bewertung Gesundheitsgefahren durch PFC gerecht wird, zumal es sich hier um einen Sachverhalt geht, der soweit aktenkundig, mit hinreichender Wahrscheinlichkeit etwa ab 2005 Auswirkungen auf landwirtschaftlich genutzten Äckern und in einem großen Gebiet auf das Trinkwasser hatte. Dabei handelt es sich, mit einem weiten Blick in die Zukunft, keinesfalls um ein ausgestandenes Phänomen. Die Behörden gehen davon aus, dass etwa in fünf bis zehn Jahren überall Trinkwasser aufbereitet werden muss, nicht wegen besonderer Schadensfälle, auch nicht wegen der besonderen PFC-Situation in Mittelbaden, sondern wegen einer Vielzahl noch anderer schädlicher Stoffe im Grundwasser, die im normalen Alltag, durch Industrie oder konventionell betriebene Landwirtschaft in die Umwelt gelangen. Am Beispiel der PFC wird um so mehr deutlich, dass vor der Produktion und Verarbeitung neuer Chemikalien zukünftig vor allem die Belange der Wasserqualität stärker als bisher berücksichtigt werden müssen.

Wäre bei früherem Handeln, der heute in der Tat lange behördliche Maßnahmenkatalog zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt, etwa ab dem Jahr 2008, auch so lange geworden? In welcher Höhe würden sich dann die Kosten bis heute bewegt haben und in der Zukunft noch bewegen?

Jetzt ist tatsächlich Geduld gefragt und die in erster Linie bei den Betroffenen. Immerhin: Mindestens die den Behörden für Kontrollen zugänglichen landwirtschaftlichen Produkte in der ersten Hälfte des Jahres 2017 sind unbelastet. Die Lebensmittelüberwachung blieb ohne PFC-Befunde. In absehbarer Zeit ist ein umfassendes Sanierungskonzept nicht mehr zu erwarten. Das bedeutet aber auch, dass der PFC-Problematik in Mittelbaden substantiell vorerst nicht mehr abgeholfen werden kann.

So hilft in der Tat jetzt nur noch eines: Der offene Blick nach vorne, um Lösungsansätze zu finden und jeweils Forschungsprojekte mit einer Lösungsperspektive auf den Weg zu bringen.

Die PFC-Situation in Mittelbaden wird von Akteuren mit völlig unterschiedlichen Interessen angeschoben und beeinflusst. Mit der Situationsbeschreibung hier wird klar, dass die großflächige, parzellierte und gleichzeitig komplexe Schadenssituation, vielseitige Lösungsansätze erfordern wird, die sich gegebenenfalls begleitend unterstützen, sich gegebenenfalls ergänzen oder auch für sich allein in ganz verschiedene Richtungen gehen. Es wird nicht ausreichen, dass der politisch verantwortliche Landrat sich über die PFC-Problematik mit einer für Behörden bequemen Strategie: „nur mit den eigenen Leuten“ auseinandersetzt (vgl. Epilog). Diese Schadenslage überfordert einzelne Akteure wie auch jede untere Kreisbehörde. Diese Situation kann bestmöglich nur mit modernen Problemlösungsmethoden und lösungsorientierten Strategien bewältigt werden, die allerdings kooperatives Denken und koordinierendes Handeln voraussetzen.

Wenn die zuständigen Kreisbehörden ein bestmögliches Ergebnis haben wollen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, die alle Initiativen und daraus entwickelten Ergebnisse aus dem gesamten Kreis der Akteure in einem Gesamtkonzept zu suchen und zu bündeln. Dieses Gesamtkonzept sollte Ökologie und Wirtschaftlichkeit miteinander versöhnen und gleichzeitig für die direkt Betroffenen in der Region praktikabel sein. Die originäre Aufgabe der Behörden für Maßnahmen der Gefahrenabwehr bleibt davon unberührt, wie auch die Forderung an die Legislative, qua Gesetz zu verhindern, dass weiterhin besorgniserregende Stoffe in die Umwelt gelangen.

Der Vorteil eines unabhängigen und ganzheitlich auf die Zukunftsfähigkeit unseres Planeten ausgerichteten Vereins, wie das GFB e.V., liegt in dem mittelbadischen PFC-Handlungsfeld bei den völlig unterschiedlichen Interessenlagen der bisher beteiligten privaten, kommunalen und staatlichen Akteuren auf der Hand. Das GFB e.V. stellt sich selbst mitten hinein in das lokale Geschehen, mit Fakten und Thesen und als neutraler Vermittler zwischen Bevölkerung, betroffenen Landwirten, Unternehmen, Chemie-, Agrar- und Forstexperten, Forschungseinrichtungen, Rundfunk- und Printmedien, Kommunen, Behörden und Landesministerien


  1. Stuttgarter Zeitung, 22.09.2016, Artikel: PFC, das unbekannte Gift, Die Dritte Seite, Nr. 221.
  2. Stellungnahme des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg vom 14.11.2016, Landtagsdrucksache 16/707, auf Antrag der Abg. Bettina Lisbach u.a./Bündnis90/Grüne v. 06.10.2016, S. 3.
  3. Fortbildungsveranstaltung des Fortbildungsverbundes Boden und Altlasten Baden-Württemberg mit dem Thema: "PFC-Umweltbelastungen und der Umgang hiermit" am 18. Mai 2017 im Landratsamt Rastatt.
  4. Badische Neueste Nachrichten, Baden-Baden, 18.10.2016, Artikel: "Schnelleres Vorgehen scheint Illusion zu sein, Bisher Kosten von 1,5 Millionen Euro.
  5. (Ober-) Bürgermeister-Resolution ( Landkreis Rastatt) zur Belastung des Grundwassers mit PFC an Herrn Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann vom 2. November 2016.
  6. Badisches Tagblatt vom 12.11.2016, Artikel: Jede Menge Arbeit für eine bessere Zukunft, Gernsbacher Grüner MdL Thomas Hentschel lebt sich noch ein.

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